16. Halbmarathon Grande Cache

Horseshoe Bay & Bowser, 31.05.2016

Mittlerweile ist es Dienstag Abend, kurz nach 18 Uhr Ortszeit und ich sitze in meinem Golf und warte darauf, dass man uns auf die Fähre nach Vancouver Island lässt. Kann noch etwas dauern, da die Fähre ja erst um 19:30 Uhr ablegen soll. Und da ich nicht untätig warten will, schreibe ich jetzt einfach im Auto den Blogeintrag für Samstag/Sonntag, in dem es vor allem um den Halbmarathon in Grande Cache geht.

Nach dem Besuch des Valley of the 5 Lakes bin ich am Samstag nach kurzem Abstecher in Jasper City weiter nach Grande Cache gefahren. Und siehe da: Auf dem Weg dorthin habe ich nicht nur Elche und Rehe, sondern auch einen Schwarzbären gesehen. Nein, ich habe nicht angehalten und nicht fotografiert. Da waren sowieso schon Massen an Touristen, die auch wieder aus ihren Autos ausgestiegen sind, um möglichst nah zum Fotografieren an die Tiere herankommen zu können. Ich glaube, mittlerweile weiss jeder, was ich darüber denke. Also spare ich mir weitere Kommentare. Die Fahrt nach Grande Cache war aber echt entspannt. Ich habe es genossen, weitestgehend alleine über den Highway zu fahren, die Natur zu geniessen und das Gefühl zu haben, bald WIRKLICH weit weg von der Zivilisation zu sein. Und genau so war es auch, als ich in Grande Cache angekommen bin. Zwar noch irgendwie Zivilisationsgefühl aber auch das Gefühl, echt weit weg zu sein. Neben Grande Cache gibt es da halt in der näheren Umgebung so gar nix mehr richtig ausser Berge rundherum.

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Blick vom Parkplatz vor der Mall in Grande Cache.

Nach dem Abholen meines Race- Packs und dem Einchecken in meiner „Bed&Breakfast“- Unterkunft (siehe vorletzter Blogeintrag) bin ich noch in die Stadt gefahren, habe Geld geholt, etwas gegessen und mir den Start vom Halbmarathon angeguckt. Dabei ist mir aufgefallen, dass viele Geschäfte in der Stadt geschlossen hatten und abgesperrt waren. Wie ich dann erfahren habe, hat auch die örtliche Kohlemine schon geschlossen und die „Stadt“ ist im Moment in ihrer eigenen ökonomischen Krise. Anders als Europa ist Kanada von den niedrigen Energiepreisen erheblich getroffen und hier in Grande Cache sah man das ganz deutlich. Der Kassierer im örtlichen Baumarkt meinte: „Ja, wenn keine Kunden da sind, werden die Geschäfte halt geschlossen“. Wow, Krise hautnah. Nach dem Ausflug in die Stadt bin ich dann zurück zu meiner Unterkunft in der „Wall Street“ (!!!) gefahren, habe den vorletzten Blogeintrag geschrieben und war relativ früh im Bett.

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Wall Street jetzt in Grand Cache (Cash). 🙂

Sonntag hat mich meine Gastgeberin dann mit einem sehr üppigen Frühstück toll in den Tag starten lassen. Ich habe wegen dem Halbmarathon dann aber gar nicht so viel gegessen, da es sich mit vollem Bauch nicht so gut laufen lässt. Kurz vor 9 Uhr war ich auch pünktlich am Start und habe die ersten Marathon- Läufer gesehen, die die Strecke gekreuzt haben. Da habe ich noch gedacht: Mensch, 53 Minuten für 10 Kilometer, das ist für den ersten der Marathon- Läufer mal gar keine so gute Zeit. Wie man sich irren kann…

Pünktlich um 9 Uhr ging es dann auch los und der Lauf hat gehalten was er versprochen hat. Wir sind keine asphaltierte Strecke gelaufen, nur Schotter, Wald und Matsch. Ja, Matsch. Gleich zum Start ging es erstmal einen üblen Berg hinauf und das mit den Steigungen blieb dann auch so während des Laufs. Rauf, runter, rauf, runter, dann mal ne kurze Strecke gerade. Aber insgesamt ein Streckenprofil, bei dem man keinen echten Laufrhytmus finden konnte, weil es in der Strecke keine Kontinuität gab. Und dann war da noch der schmale Grat am Hang, auf dem man gerade so zwei Füße nebeneinander bekam. Zwar ging es nicht so schrecklich steil herunter an der Seite, es war aber schon eher abenteuerlich zu laufen. Interessant waren auch die Waldwege auf dem “Griffith- Trail” und dem “Sulphur- Trail”, die zum Teil mit meterbreiten und tiefen Wasserpfützen durchzogen waren. Vom Profil her habe ich solch eine Strecke bisher noch nicht erlebt. Sehr abenteuerlich, aber auf jeden Fall eine gute Erfahrung. Dafür war das Wetter am Lauftag ganz gut: 6 Grad, kein Regen und zwischendurch Sonne. Mehr kann man eigentlich nicht erwarten…

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Einer der angenehmeren Laufwege (links), bergauf.
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Blick vom Laufweg ins malerische Tal mit Fluss und Bergen.

Nach dem Start habe ich dann relativ früh die Dummheit besessen, beim bergab- Laufen etwas Gas zu geben. Dabei bin ich prompt mit dem rechten Knöchel umgeknickt. Super, denn die Achillessehne in dem Fuß habe ich eh schonmal angerissen gehabt und merke sie bei grosser Belastung sowieso früher oder später. Nach ein paar Metern hat der Schmerz aber schon wieder etwas nachgelassen, so dass ich dann doch weiter gelaufen bin und fortan besser auf das Gelände vor mir geachtet habe. Ich hätte nicht gedacht, dass es so viel ausmacht, ob man mit dem Fuß auf eine Wurzel auftritt oder auf den weichen Waldboden. Naja, und dieser Vorfall war schon noch deutlich VOR der 10Km- Marke. Die habe ich dann auch erst nach 55 Minuten überquert und da wusste ich dann auch, dass das an dem Tag bestimmt keine Bestzeit geben würde. Der zweite Teil der Strecke war dann nicht ganz so krass hügelig wie der erste Teil, hatte aber doch noch drei bittere Steigungen drin. Am Ende hatte ich dann auch keinen Bock mehr die Steigungen zu laufen und bin dann bergauf nur noch gegangen. Ausserdem habe ich ein paar Fotos von der Umgebung gemacht (siehe oben und unten), mich gut mit Cole aus Edmonton unterhalten und den „Soul Tree“ bestaunt. Also insgesamt etwas entspannter. Cole und ich sind dann den letzten Teil zusammen gelaufen und ich habe versucht, ihn noch etwas zu pushen. Aber auf dem letzten Asphalt- Stück konnte er einfach nicht dranbleiben und wir sind dann etwas zeitversetzt angekommen. Meine Zeit war mit 2:02 auch wirklich schlecht und ich musste innerlich schon etwas grinsen. Hätte ich gewusst, was da auf mich zukommen würde, hätte ich den Halbmarathon in Red Deer vor einer Woche wahrscheinlich weg gelassen und wäre den ersten Teil des Rennes auch ganz anders angegangen. Aber auch so war es eine runde Sache und hat Spaß gemacht. Cole und ich haben dann noch ein Foto gemacht, etwas Chili gegessen, gelabert und sind dann beide aufgebrochen. Was ich aus dem Halbmarathon für mich als Erkenntnisse mitnehme? 1. Das Wetter bei einem Lauf ist schon wichtig, aber das Streckenprofil und die Beschaffenheit der Strecke sind noch deutlich wichtiger. 2. Eine Woche Regenerationszeit zwischen zwei Halbmarathons ist vielleicht etwas zu wenig. 3. Ich muss in Zukunft mal häufiger Strecken mit grösseren Höhenunterschieden laufen. Höhenunterschiede machen mir noch zu grosse Probleme beim Laufen. 4. Im Vergleich zur Death Race war der Mountain Madness Run hier ein Kinderspiel. Wenn ich also zur Death Race will, muss ich noch viel viel trainieren. Ach ja, und noch viel mehr trainieren. Einfach brutal viel trainieren. 🙂

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Der “Soul Tree” mit jeder Menge Schuhen…
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Cole und ich nach dem erfolgreichen Lauf.

Mit meinen B&B Gastgebern hatte ich abgeklärt, dass ich nach dem Lauf noch duschen wollte und das war überhaupt kein Problem. Also habe ich das dann noch gemacht, meine Sachen in Ruhe gepackt und dann wollte ich mich von den beiden verabschieden. Aber keiner war da. Und die Haustür war auch nicht abgeschlossen. Ein echtes Gottvertrauen in den fremden Gast im Haus und in die Nachbarschaft. Ich habe dann meinen Hausschlüssel auf die Ablage gelegt und mich auf den Weg gemacht. Im Nachhinein (ich habe nochmal eine E-Mail geschrieben) habe ich erfahren, dass meine beiden Gastgeber in der Kirche waren als ich gefahren bin. Für sie war aber alles super so wie es gelaufen ist.

Bevor ich zurück nach Jasper gefahren bin, habe ich mir dann an der Tankstelle noch einen Café Mokka geholt und dabei eine echt coole Bekanntschaft gemacht. Kommt mir dort ein Kanadier mit einem „St. Pauli“- Pullover mit dem bekannten Totenkopf- Logo entgegen. Klar musste ich den sofort ansprechen. Wir sind ins Gespräch gekommen und haben uns sehr nett ausgetauscht über Urlaub, Hamburg, Kanada usw. Und er fand St. Pauli halt cool als er da war und hat sich deswegen den Pullover gekauft. Ich hingegen bin da mit meinem gekauften Canada- Pulli rumgelaufen. Verkehrte Welt irgendwie aber schon sehr sehr lustig auf jeden Fall. Nach dem Zusammentreffen habe ich dann aber endgültig Grande Cache in Richtung Jasper verlassen. Insgesamt hat es mir das kleine Städtchen schon irgendwie angetan und ich spiele mit dem Gedanken, dorthin eines Tages auch zurück zu kehren. Vielleicht zur Canadian Death Race 2017. Oder zum Besuch einer der vielen Nationalparks dort in der Nähe. Habe irgendwie im Gefühl, dass ich dort nicht zum letzten Mal war. Hoffentlich.

Von Grande Cache bin ich dann sofort durch gefahren bis zu den Hot Springs in Miette. Die Hot Springs sind so etwas wie ein Thermalbad. Dort wird das heisse, mineralhaltige Wasser aus dem Sulphur Creek für die Besucher in zwei warme Becken geleitet. Und es gibt noch zwei kalte Becken, so dass man halt auch kalt/warm- Wechsel machen kann bei Bedarf. Das habe ich dann auch ein paar Stunden lang gemacht und es hat meinen Beinen und Füssen echt gut getan. Zwar fühle ich noch meinen kaputten rechten Knöchel aber die Muskeln in den Beinen machen überhaupt keine Probleme und Blasen habe ich auch keine. Also insgesamt trotz des fordernden Laufs keine grossartigen Einschränkungen, die mich jetzt von irgendwelchen Aktivitäten auf Vancouver Island abhalten würden.

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Eingang zu den Miette Hot Springs.

Apropos Vancouver Island: Mittlerweile sitze ich nicht mehr im Auto, sondern auf dem Sonnendeck des Schiffs mit meinem Laptop. Noch sind wir nicht abgelegt, aber das kommt gleich noch. Und dann werde ich einfach die Überfahrt geniessen und das ein oder andere Foto mit meinem fast leeren Handy machen. Life is good. Morgen früh schreibe ich dann mal den Blogeintrag über meine Montag/Dienstag- Reise von Jasper über Kamloops nach Horseshoe Bay. Dann dürfte ich langsam wieder im Schreibrhytmus sein und nicht mehr so doll hinterher hängen…

Zum Abschluss des Blog- Eintrags gibt es wie immer auch heute einen Musik- Tipp von mir. Ich habe ganz am Anfang des Blogs schonmal was von der Band „Newdrive“ vorgestellt. Und eigentlich sollte keine Band einen zweiten Slot im Blog bekommen. Für Newdrive mache ich aber eine Ausnahme, da mich die Jungs den ganzen Halbmarathon über nach vorne gepusht haben. Irgendwann in der vierten Schleife des Albums bin ich dann auch im Ziel angekommen. Good job, guys. 🙂 Hört einfach mal in die Lieder der CD auf Amazon rein und guckt ob es was für euch ist. 30 Sekunden pro Lied kann man da einfach so anhören. Das Album lohnt sich, echt!

 Newdrive – Nowhere to run

So, das solls jetzt aber von mir gewesen sein. Ich merke schon den Schiffsmotor und wir legen langsam ab. Herrlich. Muss mal paar Fotos machen gehen und die Fahrt geniessen…. Grüsse aus Kanada an alle!

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Author: Ralf

Passionate Canada -Visitor and -Lover. Ex- Army Officer and Retail Manager. Long distance runner, climber, hiker, fan of all kinds of games and animal friend. Loves music but has a weird taste: British Metal, German Gangsta-Rap, some Dance-pieces (mostly 90s), non- lyric beats and most Rock/Punk- music.

3 thoughts on “16. Halbmarathon Grande Cache”

  1. Großartig, Ralf! Ja, das Gefühl auf Reisen (auf)zu leben, habe ich auch immer gehabt und habe es noch, fast egal, wohin es geht.
    Wenn Du schreibst, bekomme ich wirklich einen anschaulichen Eindruck, und diese Art des Reisetagebuchs, mit Fotos gleich daneben, ist wunderschön und praktisch.
    Was mich auch fasziniert, sind die Erkenntnisse, die Du zu allen möglichen Themen gewinnst. Ja, so ist das beim Reisen.
    Mum

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