5. Calgary – Tage zwei und drei

Calgary, Kanada, 14.05.2016

Gestern und vorgestern habe ich also meine einzigen beiden Tage in Calgary und Umgebung verbracht. Leider eigentlich viel zu wenig Zeit, um sich hier die vielen interessanten Sachen anzugucken. Wahrscheinlich bräuchte man rund 2 Wochen, um alle Hauptattraktionen zu sehen und die Stadt besser kennen zu lernen. Aber da das im Moment nicht geht, muss man sich auf das Wesentliche konzentrieren und ich denke das ist mir ganz brauchbar gelungen. Also, was habe ich in den letzten beiden Tagen so angestellt?

Donnerstag früh bin ich erstmal zu den Sportanlagen der Olympischen Spielen von 1988 gefahren und habe mir das Gelände angeschaut. Einige der Anlagen sind mittlerweile in keinem so guten Zustand mehr aber ein paar werden tatsächlich immer noch genutzt, z.B. die Skilifte, eine Sommerrodelbahn und der Eiskanal der Bobfahrer. Nachdem ich dort ein wenig in der Kälte herumgestapft bin, habe ich mich dann dazu entschlossen, der Canada’s Sports Hall of Fame einen Besuch abzustatten. Praktischerweise liegt diese direkt neben den Olympiaanlagen, so dass ich nicht weit laufen musste. Zu dieser Sehenswürdigkeit muss man erstmal “Wow” sagen. Hier haben Kuratoren mit viel Liebe zum Detail und viel Respekt für die Athleten und deren Leistungen eine tolle Erinnerungsstätte geschaffen, die weder nationalistisch noch kitschig anmutet. Es ist einfach ein Ort, an dem die Leistungen ehrlich gewürdigt werden, inspirieren sollen und für die Nachwelt festgehalten werden. Ich bin nicht sicher, ob wir sowas in Deutschland auch haben, kann es mir aber in dem Umfang und der Detailtreue in Deutschland eher nicht vorstellen. Wir haben ja teilweise immer noch das Problem, uns selbst den Mund zu verbieten wenn es um nationale Leistungen geht oder Patriotismus im Spiel sein könnte. Aus meiner Sicht völlig zu Unrecht. Und was waren sonst so die wichtigsten Erkenntnisse aus der Ausstellung? Basketball wurde in Kanada erfunden, man kann auch mit einem zerschmetterten Knöchel noch Rudern und die Bronzemedaille bei Olympia gewinnen und Lennox Lewis war Kanadier. Als Leitmotiv der Ausstellung wurde aber vor allem der Grundsatz “Du sollst träumen und hart arbeiten, dann kannst du auch viel erreichen” transportiert, den ich sehr treffend finde und mir zu Herzen genommen habe. Anders als beim American Dream wurde das auch weit weniger pathetisch oder aufgeblasen dargestellt, sondern hatte mit den Geschichten der vielen Athlethen eine sehr bodenständige, ehrliche und greifbare Basis. Irgendwie schon ziemlich, ziemlich gut…

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Skisprung- Anlagen in Calgary’s Olympia Park von 1988
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Eingangshalle in der Canada’s Sports Hall of Fame

Nach dem Besuch im Olympia Park bin ich dann ins Stadtzentrum gefahren, also nach “Downtown”. Auch hier war ich wieder positiv überrascht von der Verkehrssittuation in Calgary. Kaum Stau und gut fliessender Verkehr im Zentrum, was auch komplett befahrbar war. Und jede Menge Parkplätze, die mit 26 Dollar pro Tag ( ~ 18 Euro) auch noch recht bezahlbar sind. Jedenfalls im direkten Vergleich zu London. 🙂 Hier habe ich mir zunächst den +15 Skywalk angeschaut, ein überirdisches Verbindungssystem aus verglasten Übergangen zwischen den einzelnen Wolkenkratzern. Ist bestimmt vor allem im Winter echt prakttisch, wenn man von A nach B will ohne in der klirrenden Kälte rumzulaufen. Danach habe ich die Devonian Gardens besucht, einen Indoor- Park auf Level 4 des Core Shopping Centres. Hier ist einfach mal ein Naherholungszentrum inmitten eines grossen Gebäudes eingerichtet worden und hier kann jeder sitzen, schlafen und sich unterhalten ohne Eintritt zu bezahlen oder irgendwas irgendwo bestellen zu müssen. Keine Ahnung wo es sowas sonst noch gibt, in Deutschland habe ich das jedenfalls noch nicht gesehen. Eine tolle Erfindung, ich würde es lieben wenn ich dort in der Nähe arbeiten würde… Zum Abschluss des Tages war ich dann noch im Glenbow- Museum, wo auf 4 Etagen gleich mehrere interessante Ausstellungen zu sehen waren. Leider habe ich mir nur einen kleinen Teil angucken können (Museen schliessen auch irgendwann) aber es waren wirklich tolle Eindrücke dabei. Unten könnt ihr die “indianische” Art des Bücherschreibens und Geschichtenerzählens sehen – Malereien auf der Rückseite eines Buffalo- Fells.

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+15 Skywalk in Calgary

 

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Devonian Gardens im Core Shopping Centre, Calgary
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Geschichten auf der Rückseite eines Buffalo- Fells

Freitag vormittag bin ich recht früh zu Craig und Sue nach High Water aufgebrochen. Nach einem kurzen Willkommenstrunk sind Craig und ich dann auch schon weiter Richtung “Head-Smashed-In-Buffalo Jump” gefahren. Ja, ich habe mich anfangs auch gefragt, was das wohl für ein komischer Ort sein mag. Der Ort ist Unesco- Weltkulturerbe und ist für Jahrtausende ein bedeutender Ort für die Ureinwohner Kanadas gewesen. Bis ins 18 Jahrhundert gab es in Nordamerika keine Pferde, so dass die Ureinwohner sich etwas einfallen lassen mussten, um dennoch erfolgreich zu jagen und vor allem die strengen Winter mit genug Nahrung überleben zu können. Also haben Sie mit viel Geduld, hohem Grad an Arbeitsteilung und präziser Organisation Büffelherden in Richtung von Klippen getrieben, sie in Angst versetzt (Stampede) und dann kopfüber von der Klippe stürzen lassen. Unten wurde dann geschlachtet, Fell abgezogen und das Fleisch haltbar für den Winter gemacht. Für dieses Verfahren der Jagd eignete sich jedoch nicht jeder beliebige Ort, denn es mussten etliche Gegebenheiten erfüllt sein. 1. Der Ort musste in der Nähe von Büffel- Wanderwegen oder bevorzugten Aufenthaltsplätzen liegen. 2. Es musste frisches Wasser verfügbar sein. 3. Vor der Klippe sollte ein leichter Hanganstieg sein, so dass die Büffel erst zu spät sehen konnten, dass dort ein Abgrund ist. 4. Die Klippe musste hoch genug sein, damit sich die Büffel beim Sturz zumindest so doll verletzen, dass sie danach nicht weiter laufen konnten. 5. Die Sonne sollte aus Sicht der Büffel hinter der Klippe aufgehen, so dass die Tiere bei der morgendlichen Jagd zusätzlich geblendet wurden und die Klippe nicht sehen konnten. 6. Es musste ein guter Lager- und Rastplatz für ein temporäres Lager in der Nähe vorhanden sein. All diese Gegebenheiten waren im “Head-Smashed-In-Buffalo Jump” gegeben, so dass der Ort über Jahrtausende zur erfolgreichen Jagd von Büffeln genutzt wurde und vielen Generationen von Ureinwohnern das Überleben ermöglicht hat. Mit Auftreten der Pferde (eingeführt von den Spaniern) im 18. Jahrhundert sind die Ureinwohner dann zur mobilen Jagd übergegangen und haben die zeitintensive “Buffalo-Jump”- Jagd zu Fuß schnell eingestellt. Neben dem tollen Ausblick auf dem Weltkulturerbe gibt es dort auch eine sehr informative und gut durchstrukturierte Ausstellung, wo man viel über das Leben der Ureinwohner und deren Sitten und Gebräuche lernen konnte. Insgesamt ein echt lohnender Besuch, den ich jedem nur ans Herz legen kann, der in der Provinz Alberta unterwegs ist.

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Der “Head-Smashed-In-Buffalo Jump”. Über diese Klippe wurden die Büffel getrieben.
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Teil der Ausstellung am “Head-Smashed-In-Buffalo Jump”.

Nach dem Besuch an diesem denkwürdigen Ort haben Craig und ich dann versucht, eine andere Route zurück nach High River zu nehmen. Hat auch anfangs ganz gut geklappt. Bis dann irgendwann die geteerte Strasse aufgehört hat und wir auf Matsch und Schotter weiter gefahren sind. Ein unheimlicher Spass das Ganze. 🙂 Denke ich werde gleich mal in die Waschstrasse fahren müssen. Jedenfalls haben wir dann nachher doch noch irgendwann den Highway 22 erreicht, uns die tolle Landschaft (links die Rocky Mountains, rechts die Prärie) angeschaut und auf der Fahrtzurück  über Gott und die Welt geplaudert. Nachdem ich Craig dann in High River abgesetzt habe, bin ich weiter in Richtung Calgary gefahren und habe nochmals Brian und Nancy besucht. Dort habe ich auch ein befreundetes Ehepaar der beiden getroffen und wir haben einen weiteren sehr unterhaltsamen und gelungenen Abend zusammen verbracht. Mulligan, der Hund, hat sich auch gefreut und später vor meinem Stuhl geparkt und sich pausenlos streicheln lassen. Der Kerl ist ein echt liebes Herzchen. 🙂

So, und was liegt heute an? Gleich gehe ich erstmal bei schönem Wetter eine komplette Runde laufen im Heritage Park. Da freue ich mich schon riesig drauf. Dann Auto waschen, tanken und aufbrechen nach Olds zu Jo Anne und Doug. Bin mal gespannt wie das wird.

Der heutige Musiktipp hat nichts mit Kanada zu tun, ist aber ein echt gutes Lied aus einem mal ganz anderen Genre. Kann halt nicht immer Rock oder Heavy sein…Das Rap- Album “Zwischen Narzissmus und Selbstmitleid” von Jay Jiggy ist zwar nicht unbedingt der Mega- Burner, dafür ist der Song hier echt klasse und läuft bei mir regelmäßig im Auto oder beim Laufen:

Jay Jiggy – Zahnpastafernsehreklame

Die beiden besten Lines im ganzen Lied: “Ich hab gelernt, du kannst andere Menschen nicht ändern. Das Einzige was du nur ändern kannst, ist dich selber.” Eine treffende Erkenntnis mit viel Wahrheitsgehalt. Leider war mir das lange Zeit im Leben nicht so bewusst wie heute. Aber besser eine Erkenntnis kommt spät als nie. Also suche ich heute eher nach einem Weg mich selbst zu ändern und zu entwickeln…

 

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Author: Ralf

Passionate Canada -Visitor and -Lover. Ex- Army Officer and Retail Manager. Long distance runner, climber, hiker, fan of all kinds of games and animal friend. Loves music but has a weird taste: British Metal, German Gangsta-Rap, some Dance-pieces (mostly 90s), non- lyric beats and most Rock/Punk- music.

2 thoughts on “5. Calgary – Tage zwei und drei”

  1. Echt krass mit dem Buffalo Jump! Haben die Leute gut über nachgedacht. Na gut, so ein verrückte schönes Landschaft hat bestimmt auch mitgeholfen. So, ich gehe mal Zahnpasta kaufen. Viel Spaß in Olds!

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  2. Lieber Ralf, Pfingstsonntag ist heute und keine Korrekturen! Klasse, Dein Blog, und höchst interessant, was Du erlebst und an Erkenntnissen gewinnst! Ja, so geht es mir auch immer, wenn ich reise: Der Abstand macht einen klaren Kopf und lässt einen wachsen. Wichtig auch die Kontakte mit den Menschen vor Ort, denn auch von ihnen lernt man enorm. Ich plane meine Ferien in diesen Tagen und werde nur von der Länge her auf Mau Rücksicht nehmen. Der gute Junge hat seine 2. Zahn-OP hinter sich und erholt sich zusehends. Mir geht es auch ganz o.k., habe heute einen schönen Wanderweg kennengelernt (nahe Schloss Homburg).
    “Majet joot” und weiter so! Liebe Grüße
    Mum

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